Jacob Burckhardt, der in den ersten Jahren nach der Gründung der ETH die Professur für Kunst- und Architekturgeschichte innehatte, war sich der Schwierigkeiten bewusst, die das Studium der Geschichte mit sich bringt. Er liess sich aber nicht entmutigen, weil die Studierenden oft «die wichtige halbe Seite welche irgendwo im Wust (des Wissensstoffes) verborgen steckt», übersahen. Er hatte vielmehr die Erfahrung gemacht, dass «ein glückliches Ahnungsvermögen das Auge vermeintlich zufällig doch darauf führt». (Über das Studium der Geschichte, hrsg. von Peter Ganz, München 1982, S. 251)

Wenn Burckhardt, der ein Pionier des Quellenstudiums und alles andere als ein ausschweifender Geschichtsphilosoph war, gerade auf das «glückliche Ahnungsvermögen» setzte, um das Auge auf die Fährte der geschichtlichen Ereignisse zu leiten, so erkannte er damit auch die überragende Bedeutung des visuellen Verständnisses. Ja, er ahnte vielleicht bereits, dass im modernen Leben alle visuellen Aspekte zur Dominanz gelangen würden.

Der Unterricht in Geschichte und Theorie der Kunst und Architektur ist für angehende Architektinnen und Architekten umso nützlicher, je besser er in einem breiten kulturgeschichtlichen Rahmen verankert wird. Angesichts der schier unüberschaubaren Fülle von Kenntnissen, erfordert das Geschichtsverständnis ein analytisches Vorgehen. Eigene Fragestellungen werden ebenso Gegenstand der Untersuchung wie die Objekte selber. Deshalb verzichten wir weitgehend auf bloss referierende Übersichtskurse zugunsten thematischer Darstellungen. Indem wir uns auf die Facetten einer bestimmten historischen Zeit konzentrieren, kommen wir den geschichtlichen Vorgängen näher. So stehen im zweiten Jahreskurs Themen zur Diskussion, die mit den Wandlungen des Territoriums, der künstlerischen Medien, dem Verhältnis einzelner Kunstsparten zur Architektur und den vielfältigen Aspekten der Ausbildung und Praxis zu tun haben. Im vierten Jahreskurs stehen thematisch knapper, aber analytisch breiter angelegte Probleme zur Debatte. Sie reichen von öffentlichen Bauten und Villen bis zur neueren amerikanischen Architektur und Land Art.

Zwar teilen auch wir Burckhardts Auffassung, dass «alles was im Entferntesten zu dieser Kunde [des Vergangenen] gehört, mit aller Anstrengung und Aufwand gesammelt werden [muss]. Das Verhältnis jedes Jahrhunderts zu seinem geistigen Erbe ist dann schon Erkenntnis, d.h. etwas Neues, das von der nächsten Generation wieder zum Erbe geschlagen werden kann.» In kritischer Weiterführung dieses Gedankens halten wir das Sammeln und Bewahren aber nicht für ausreichend zur Ausbildung der kommenden Generation von Architektinnen und Architekten, denn, wie auch Burckhardt bereits meinte, wirkt die Kultur «unaufhörlich modificirend und zersetzend auf die festen staatlichen und religiösen Lebensformen».

Ebenso kritisch muss heute die architektonische Kultur auf die bestehenden Verhältnisse einwirken. Die Beschäftigung mit historischen Gegenständen schärft dafür den Sinn, und der stete Wandel des Bauens fördert immer wieder andere Seiten der Vergangenheit zutage. In der Gegenwart spielen diese schwer fassbaren, aber äusserst einflussreichen Veränderungen eine geradezu barometrische Rolle. Die Entwurfs- und Baupraxis ruht nicht mehr auf vermeintlich festen Grundlagen, es reicht nicht mehr aus, kompetent ausgebildet zu sein, vielmehr müssen Architektinnen und Architekten über ein geschärftes Sensorium für all jene Phänomene verfügen, die man mit dem Schlagwort der medialen Präsenz und Wirkung zusammenfassen könnte.

 


 


Peter D. Eisenman, Forster Residence, Home 11a, 1978

Peter D. Eisenman

Prof. Dr. Kurt W. Forster

Aufsätze («Rising from the Land, Sinking into the Ground», in: Eleven Authors in Search of a Building, New York 1996), Vorträge und eine bevorstehende Publikation (bei Birkhäuser, Basel 1998).

 


 


Frank O. Gehry, Guggenheim Museum, Bilbao, Spanien 1997

Frank O. Gehry

Prof. Dr. Kurt W. Forster

Die Forschungsarbeiten münden in eine Monographie über Gehry, die unter Mitarbeit von Prof. Francesco Dal Co, Universität Venedig, 1998 bei Electa in Italienisch, beim Deutschen Kunstverlag in Deutsch und bei Monacelli in Englisch erscheinen wird. Weitere Aufsätze und Vorträge zu Gehry (Rotterdam, London AA, Princeton). Eine monographische Studie über das Guggenheim Museum in Bilbao steht in Vorbereitung.

 


 


Giulio Romano, Italienischer Bau der herzoglichen Stadtresidenz, Landshut, Bayern

Giulio Romano

Prof. Dr. Kurt W. Forster, Assistenz Nanni Baltzer

Aufsätze und Vorträge (Landshut, Vicenza) über den sogenannten Italienischen Bau der herzoglichen Stadtresidenz Landshut (Bayern).

 


 


Giuseppe Terragni, Casa del Fascio, Como, Italien, 1932-1936

Giuseppe Terragni

Prof. Dr. Kurt W. Forster

Beteiligung an der Ausstellung und am Katalog Giuseppe Terragni, Triennale Mailand 1996/97, und Vorbereitung einer Publikation über die Casa del Fascio in Como.


 

Leon-Battista Alberti

Prof. Dr. Kurt W. Forster, Dr. Hubert Locher, Simone Rümmele

Herausgabe einer Sammel-Publikation mit neun Aufsätzen (z.T. in Übersetzung) zum Architekten und Theoretiker Alberti beim Akademie-Verlag, Berlin 1998.

 

Domestic Architecture: Die kalifornischen Einfamilienhäuser von W. W. Wurster (1895-1973)

Silvia Venuti, Assistentin (Dissertation, Institut gta)

Die Voraussetzungen für die Entwicklung des amerikanischen Kleinhauses werden anhand von ausgewählten Bauten William Wilson Wursters untersucht und vergleichbaren Bestrebungen in den dreissiger und vierziger Jahren in der Schweiz gegenübergestellt. Wurster gehörte zu den Protagonisten der San Francisco Bay-Architektur, welche seit ihren Anfängen stark der Holzbau-Tradition verpflichtet war.

In den späten dreissiger Jahren wurde, u.a. dank dem Wirken der CIAM, der Einfluss der europäischen Architektur auch in Amerika spürbar. Gleichzeitig mit der Wiederentdeckung der einheimischen, ruralen Architektur entwickelte sich eine neue Ausrichtung. William Wurster pflegte intensive Beziehungen zur europäischen Fachwelt, u.a. zu Alvar Aalto, und unterstützte als CIAM-Mitglied den Austausch zwischen den USA und Europa.

1942, nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, wurden sämtliche nicht kriegswichtigen Bauten eingestellt. Die von der Regierung geplanten, für die Kriegsindustrie bestimmten Wohn- und Gemeinschaftsbauten öffneten aber ein weites Feld für Versuche mit innovativen Baumaterialien und die Anwendung industrieller Konstruktionsmethoden. Diese Themen gewinnen heute wieder an Aktualität, zumal die ökonomischen und ökologischen Rahmenbedingungen eine Auseinandersetzung mit nachhaltigem Bauen in Holz und vorfabrizierten Elementen begünstigt haben.

 

Architektur und Farbe – Die farbtheoretischen Grundlagen der modernen Architektur

Verena M. Schindler (Dissertation, Universität Zürich)

Geht es in der Theorie allgemein um Ordnungen und Systeme, sind es in den Farbtheorien chromatische Reihen, Harmonien, Zweiklang-, Dreiklang- oder Vierklang-Systeme, Primärfarbenkonzepte, Spektralfarbenskalen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die farbtheoretischen Diskussionen in der Malerei und insbesondere auch in der Architektur rege und intensiv. Gegenstand der Untersuchungen, die methodologisch punktuell auf historische Komplexe eingehen, bilden drei unterschiedliche Umfelder der modernen Architekturdiskussion.

Im ersten Teil wird untersucht, inwiefern vier Farbtheoretiker, die von Le Corbusier in L’Esprit Nouveau erwähnt, bis heute aber in der wissenschaftlichen Literatur nicht diskutiert wurden, Le Corbusier hinsichtlich der Anwendung von Farbe in seinen architektonischen Werken beeinflusst hatten. Es gilt zu prüfen, ob diese farbtheoretischen Ansätze in einem Zusammenhang mit der Farbanwendung anderer Architekten aus diesem Umkreis stehen. Im zweiten Teil geht es um farbtheoretische Ansätze im italienischen Rationalismus, insbesondere um die Rolle der Farbe in den Gebäuden von Giuseppe Terragni und deren Verknüpfung mit Bestrebungen künstlerischer und politischer Art. Im dritten Teil werden die farbtheoretischen Diskussionen im schweizerischen Umfeld diskutiert, die sicherlich stark von Deutschland (Deutscher Werkbund, Bauhaus) bestimmt waren. Diese Ansätze sollen in einen Bezug zur praktischen Farbanwendung in der Architektur gestellt werden.

Diese drei historischen Diskussionsschwerpunkte, die keineswegs isoliert dastehen, werden einander gegenübergestellt. Unterschiede, Übereinstimmungen und Wandlungen in der Auffassung von Farbe werden diskutiert, um eine Antwort auf die Frage zu finden, wie Farbe in der Architektur der Moderne eingesetzt wurde, in welchem Masse sich die Architekten von farbtheoretischen Überlegungen leiten liessen und inwieweit sie eigene Farbordnungen aufstellten.

 


 


Kairo, Stadtzentrum

Die Entwicklung des modernen Stadtzentrums von Kairo im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Ihab Morgan (Dissertation, Institut gta)

Die mitteleuropäische Stadtplanung von Kairo geht zurück auf das Jahr 1798, als Napoleon Bonaparte seine Expedition in den Vorderen Orient unternahm und die Verwestlichung von Ägypten einleitete.

Der traditionellen Altstadtstruktur mit dem Planungsmuster des Gassensystems, den Moscheen als Versammlungsorten, dem Basar als Wirtschaftszentrum und der Zitadelle als Zentrum der politischen Macht wurde ein mitteleuropäischer, von Wirtschaft, Politik und Religion beherrschter Staatsapparat entgegengesetzt.

Bis 1890 wurde die Infrastruktur in massivem Umfange erweitert und erneuert und insbesondere im Ingenieur- und Hochbau enorme Fortschritte erzielt. Es folgte die Entwicklung von Industriezentren, die die Agrarproduktion vorantrieben. Die Banken hatten wesentlich dazu beigetragen, günstige Voraussetzungen für europäische Investoren in Kairo und Alexandria zu schaffen. Die Baustile wurden übernommen und durch lokale Baumaterialien und Bauteile dem subtropischen Klima angepasst.

Bis zum Jahre 1920 waren die Grundlagen für eine vollkommene Assimilierung der ägyptischen Gesellschaft geschaffen.

Im Städtebau kamen vor allem französische und italienische Vorbilder zum tragen, nicht zuletzt, weil die Fachkräfte vor allem aus diesen Ländern stammten. In dieser Analyse wird das Phänomen der Überlagerung verschiedener Planungsmuster, das Erproben neuer Planungsmodelle und die Interpretation europäischer Bautypologien im orientalischen Kontext unter Berücksichtigung der unterschiedlichen sozio-ökonomischen, kulturellen, aber auch klimatischen Verhältnisse anhand des modernen Stadtzentrums von Kairo und seiner Umgebung ausführlich untersucht.

 


 


Gordon Matta Clark, Splitting, New Jersey, 1974

Grenzen der Kunst. Happening und Land Art in den USA in den 1960er und 1970er Jahren

Dr. Philip Ursprung, Oberassistent (Habilitationsarbeit, ETH)

Ziel des Forschungsprojektes ist die kritische Neubewertung der entscheidenden Phase der amerikanischen Kunst in den 1960er und 1970er Jahren. Fokussiert wird auf künstlerische Phänomene, welche die spätmodernistische Trennung von Medien und Gattungen in Frage stellen und sich traditionellen Mitteln der Reproduktion entziehen. Die Arbeit teilt sich in drei Bereiche: Der erste Teil umfasst die Untersuchung der kurzen Geschichte der Happenings zwischen 1959 und 1965, deren ephemerer Charakter die Ökonomie und institutionelle Struktur der aufblühenden Kunstwelt in Frage stellt und zugleich ohne deren Dynamik nicht denkbar wäre. Anhand von Analysen des Œuvres von Allan Kaprow wird beschrieben, wie die Ablösung von der Logik des Spätmodernismus erfolgt und das Künstlerimage verändert wird. Im zweiten Teil wird die Geschichte der Land Art untersucht, insbesondere das Œuvre von Robert Smithson im Zeitraum von 1966 bis 1973. Gestützt auf die Geschichte des Happenings gelingen künstlerische Eingriffe, die zu den spektakulärsten Resultaten der Geschichte der Nachkriegskunst führen. Anhand von Vergleichen einzelner Land-Art-Künstler sollen die unterschiedlichen Haltungen und Rezeptionsmodelle kritisch überprüft werden. Der dritte Teil widmet sich, am Beispiel des Œuvres von Gordon Matta-Clark zwischen 1970 und 1978, der Radikalisierung der Strategien der Land-Art-Künstler und der Verschränkung der künstlerischen Praxis mit dem Aktivismus der 1970er Jahre.

 


 

Licht-Raum-Inszenierung: Adolphe Appia und James Turrell

Clea C. Gross, Forschungsassistentin (Dissertation, Institut gta)

Bei Betrachtung der Werke sowie der Lektüre der Schriften Adolphe Appias (1862-1928) und James Turrells (geb. 1943) fällt – neben frappanten Analogien – ein exklusives Interesse an der Reduktion der künstlerischen Mittel auf Licht, Raum und Farbe auf. Der kunst- und theatertheoretische Kontext beweist, dass es sich bei den betrachteten Phänomenen nicht um eine lineare Entwicklung, sondern um ein zufälliges Interesse an dem gleichen Gegenstand vor unterschiedlichen Hintergründen handelt: auf der einen Seite das im Umbruch befindliche Theater des späten 19. Jahrhunderts, rezipiert als ästhetische Konzeption, auf der anderen Seite die Entwicklungen in der amerikanischen Kunst seit den 1940er Jahren und die Erweiterung und Auflösung des Kunst- und Werkbegriffes. Trotz dieser sehr unterschiedlichen Voraussetzungen führen die Überlegungen der Autoren zu einer idealisierenden Vorstellung vom Kunstwerk und dessen Betrachter. Auf der Basis einer radikalen Reduktion der gestaltenden Mittel zugunsten der Klärung ihrer Wirkung, soll ein Ganzes entstehen, das das Wesen des Kunstwerks unmittelbar wahrnehmbar macht.

Adolphe Appias Bühnenreform scheint als Inszenierungskonzeption in ihrer kompromisslosen Forderung nach einer harmonischen Synthese der Künste auf der Bühne letztlich nicht realisierbar, sondern verweist auf eine unabhängigere Disziplin: das Kunstwerk als Inszenierung von Raum und Licht mit dem Betrachter als Schauspieler und Perzipienten. Die Untersuchung gilt der These, Turrells Licht-Raum-Installationen liessen sich als folgerichtige Realisierung der Theorien Appias vorstellen. Diese Fragen stellen die Auseinandersetzung mit dem Begriff Inszenierung und dessen Auslegung als kunstästhetische Kategorie in und ausserhalb des Theaters ins Zentrum.

 

Sprachphilosophische, epistemologische und politische Implikationen des Différend-(Widerstreit-)Konzepts bei Jean-François Lyotard

Tim Kammasch, Assistent (Dissertation, Universität Zürich)

Die Dissertation befasst sich mit dem philosophischen Hauptwerk von Jean-François Lyotard, Le Différend (1984). Das Augenmerk gilt insbesondere Lyotards produktiver Rezeption von Kant und Wittgenstein. Diese wird im Rahmen einer Analyse seines Konzepts des Widerstreits sowie der von ihm behaupteten Inkommensurabilität der Beziehung zwischen den Sprachspielen aufgearbeitet, wobei auch nach den Implikationen dieser Konzeptionen im Kontext ihrer Anwendung, der ideologiekritischen Diskussion der Legitimierungsstrategien in Le Différend, gefragt werden soll.