Jahrbuch 2000 dt. / e.
Institut für Denkmalpflege (ID)
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Institut für Denkmalpflege (ID)

Das Institut für Denkmalpflege (ID) wurde 1972 gegründet und setzt als Forschungs- und Lehreinheit des Departementes Architektur der ETH die Tradition des 19. und 20. Jh. fort: Wie damals findet denkmalpflegerische Fachausbildung in Europa fast ausschliesslich an Architekturhochschulen statt. In der Schweiz ist das Institut für Denkmalpflege das einzige seiner Art. Die damit verbundene Verantwortung bestimmt die Arbeit des ID in Forschung und Lehre. Insbesondere nimmt das ID angesichts der oft nur kurzschlüssigen Denkmalzuwendung des Architekturbetriebs im 19. und auch 20. Jh. und angesichts der vielfältigen gesellschaftlichen, nicht nur architektonischen Zugriffe auf die überlieferte historische Materie eine lebhafte und international anerkannte Rolle bei der Theoriediskussion um Existenzweise und Funktion des Denkmals wahr.

Fragestellungen nach der Rolle des Denkmals in einer Kultur der Erinnerung und der gleichzeitigen virtuellen Verfügbarkeit vielfältiger kultureller Spuren, nach der gesellschaftlichen Relevanz bestimmter Denkmalgruppen (die «unbequemen Denkmäler»), nach der architektonischen Rolle des Denkmals in neuen Kontexten und für neue städtebauliche Entwicklungen sind Beispiele für solche prozessorientierte Fragestellungen. Zu ihnen gehört auch, auf der Basis eines leistungsfähigen Denkmalbegriffs, die Diskussion um neue Denkmalbereiche, wie z.B. die Kulturlandschaft, der historisch gestaltete Aussenbereich, die Geschichtlichkeit der städtischen Agglomeration und brachliegende Industriebereiche.

Die Grundsätzlichkeit dieser ertragreichen Theoriediskussion, die das ID heute zum Zentrum eines kontinuierlichen Diskurses zumindest im deutschsprachigen Raum macht, findet ihr Gegenstück in der konkreten, transdisziplinären Beteiligung des ID an der denkmalpflegerischen Erhaltungsarbeit im In- und Ausland. Die interdisziplinäre Zusammensetzung des Institutspersonals, zu dem Kunsthistoriker, Archäologen, Architekten, Naturwissenschaftler und ein Vermessungsspezialist gehören, erlaubt es, für spezifische Fragen aus der Praxis, die entweder von allgemeingültiger Bedeutung oder nach dem Rang des Objektes herausragend sind, anwendungsfähige Projekte zu entwickeln. Die entsprechenden gutachterlichen Äusserungen zählen pro Arbeitsjahr an die Hunderte und reichen von der klar begründeten wissenschaftlichen Kurzexpertise bis zum vernetzten, umfang- und folgenreichen Gutachten, also von der spezialisierten Fallstudie (z.B. einer Schadensanalyse mit entsprechendem Therapievorschlag bei Salzschädigung) bis hin zur Entwicklung vernetzter Handlungsstrategien in komplizierten Umfeldern, z.B. bei Problemfeldern wie «Denkmalpflege und Tourismus».

Der Einbezug der Arbeit des ID in die praktische Denkmalpflege der Schweiz, Europas und anderer Gebiete (z.B. Ägypten, Kambodscha) erlaubt es uns, Defizite bzw. neue Forschungsthemen zu erkennen, neue Schwerpunkte zu setzen und Kommunikationswege im Bereich der internationalen Aus- und Weiterbildung zu beschreiten.

Zur Zeit arbeiten wir mit dieser für uns typischen Verbindung von Praxisbezug und Grundsätzlichkeit an der Erschliessung des Begriffs «Nachhaltigkeit», indem wir Materialien darüber vorlegen, dass die sachgerechte Bewirtschaftung der soziokulturellen Ressource «Denkmal» aus der globalen Diskussion über «sustainable development» wichtige Impulse gewinnen kann, dass diese Diskussion aber auch aus der philosophischen und praktischen Erfahrung der Denkmalpflege reiche Anregungen empfangen kann.

Die Themen und Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten sind ohne Ausnahme offen für die Übersetzung in die Lehre. Im Grundstudium und Diplomstudium (mit dem Diplomwahlfach «Denkmalpflege»), im berufsbegleitenden Nachdiplomstudium, in zweimal jährlichen internationalen Fachtagungen und in einem permanenten 14-täglichen Fachkolloquium «Spezialfragen Denkmalpflege» für die denkmalpflegerische Berufspraxis werden Lehrgefässe mit den Inhalten der Institutsforschungen gefüllt. Es bestätigt unser Konzept, dass in allen diesen Lehrgefässen unsere typische Verbindung von extremer Grundsätzlichkeit und radikaler Detailkompetenz erfolgreich ist.

In der Lehre des Departementes Architektur ist der erfolgreiche Einbezug von «Denkmalpflege» in die Entwurfslehre besonders zu betonen: Zahlreiche Professuren für architektonischen Entwurf beteiligen bei Themenwahl und Projektarbeit die Professur für Denkmalpflege – bei grossem Interesse seitens der Studierenden. Durch diese vielfältigen Kontakte des ID in der internationalen Städtebau- und Architekturdiskussion resultiert auch auf diesem Gebiet eine zusätzliche Kompetenz und Glaubwürdigkeit.

Die wichtigsten Themenbereiche und Forschungsergebnisse der Institutsarbeit sind neben den zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen in Fachzeitschriften vor allem in den «Veröffentlichungen des Instituts für Denkmalpflege an der ETH Zürich» in bisher 20 selbstständigen Publikationen greifbar. Daneben erarbeitet das ID mit jährlich einem Band die weltweit einzige Bibliographie zum internationalen Schrifttum über Denkmalpflege.

Die weltweite Diskussion über die Rolle der geschichtlichen Stadt, die Fragestellungen nach den qualitätsverbessernden Eingriffen in die vorstädtischen Agglomerationsflächen und die weitreichenden Konsequenzen im Begriffs- und Handlungsbereich von «Nachhaltigkeit» lassen eine noch verstärkte Nachfrage nach dem Einbezug unserer Fragestellungen mit Sicherheit ebenso erwarten, wie die gestalterischen Prozesse um das Thema «Alt und Neu».

Prof. Dr. Georg Mörsch

Vorsteher

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